Vorlesen - find ich gut!

K

käferli

Guest
Beginnt man besser mit dem Hundertjährigen oder der Analphabetin, oder egal?
Hmmmm. Diese Frage kann Dir nur jemand wie niwashi beantworten, der beide Romane gelesen hat.


Andrea Sawatzki “Ein allzu braves Mädchen”

Psychogramm

Die Ausgangssituation: fast zeitgleich werden in einem Waldstück eine verstörte junge Frau, und in einem nahegelegenen Haus die Leiche eines älteren Mannes gefunden. Keine Frage, dass eine Verbindung besteht. Der Psychiaterin Dr. Minkowa gewährt das “allzu brave Mädchen” nach und nach Einblick in ihre Lebensgeschichte.

Obwohl Tat und mutmaßliche Täterin schon frühzeitig feststehen, ist der eigenwillige Roman durchaus recht spannend. Der Schreibstil ist überwiegend nüchtern und liest sich über große Strecken wie ein fachmedizinisches Protokoll der psychiatrischen Sitzungen. Gerade dadurch wirkt die schockierende Lebensgeschichte erschreckend real.

Andrea Sawatzki liest emotional und stimmig. Es gelingt ihr gut, die beklemmende Grundstimmung zu vermitteln. Flüssig geschrieben, hervorragend gelesen, und dennoch… angesichts des lockeren Buchtitels hatte ich einen “normalen” Krimi erwartet, und wurde von der unvermuteten Betroffenheit einfach überrumpelt. Dank seiner Kürze (das Hörbuch passt auf drei CDs) ließ sich das Thema dann aber doch ganz gut ertragen.
 
  • G

    gardener02

    Guest
    Diese Frage kann Dir nur jemand wie niwashi beantworten, der beide Romane gelesen hat.

    Ich glaube inzwischen, es ist egal. Die Geschichten stehen ja in keinerlei Beziehung zueinander. Ausser, das eine wäre sehr viel besser wie das andere...,aber sie haben ja beide gute Kritiken.

    Ich wollte mir in meiner Bibliothek wirklich ein Hörbuch besorgen, als Motivationshilfe für meine Lieblingsbeschäftigung, das Bügeln. Mit Elke Heidenreich in der Hand bin ich zur Ausleihe gegangen. Natürlich wusste ich, dass mein Abo nur für die Printmedien gilt. Habe gedacht, ich könne einfach für die Hörbuchausleihe zahlen. Im Computerzeitalter geht das nicht mehr. Es ist das erste Mal das ich bedauert habe, nicht auch so ein kleines Gerät mit Ohrstöpseln zu haben, und ich war sehr verärgert über das unflexible System! Der Bügelberg..., er wartet noch!
     
    K

    käferli

    Guest
    Das ist natürlich Mist. Vielleicht kannst Du ein neues Jahresabo buchen, bei dem Hörbücher eingeschlossen sind. In D kannst Du für läppische 20 Euro Jahresbeitrag bei allen Medien nach Herzenslust zugreifen.


    Heinrich Steinfest: “Batmanns Schönheit”

    Mutmaßlich (wieder einmal?) letzte Geschichte der Serie um Cheng, den einarmigen Wiener Privatdetektiv chinesischer Abstammung. Mehr noch als in anderen Werken des begnadeten Wort-Jongleurs spottet die Handlung jeder Beschreibung. Mit Sicherheit kein Buch für die Freunde geradliniger Kriminalgeschichten.

    Mehr denn je treibt Steinfest die Absurditäten auf die Spitze. Eine unmögliche Story voll schräger Vergleiche und kurioser Abschweifungen, irgendwie mit der Stadt Wien verbunden.

    Leider todsicher die letzte der von Dietmar Mues gelesenen Cheng-Geschichten. Keiner las süffisanter, ironischer und hintergründiger als der immer leicht heisere Hamburger Schauspieler, der 2011 einem Verkehrsunfall erlag. Mues hinterlässt eine schmerzliche Lücke.
     
  • N

    niwashi

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    hab Batmans Schönheit gelesen ... und ich muß sagen, es ist nicht Steinfests bestes Werk ... um genau zu sein, ich war enttäuscht; trotzdem ein Dank an Mariaschwarz, die mir den Autor näher gebracht hat!

    n.
     
  • K

    käferli

    Guest
    ein Dank an Mariaschwarz, die mir den Autor näher gebracht hat!

    Da kann ich Dir nur zustimmen. Die Tipps von Mariaschwarz sind Spitze. Zum Beispiel der folgende:


    Marcel Proust “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit”

    meisterhafter Zeitspiegel in sieben Bänden.

    Die Schilderungen der dekadenten Pariser Gesellschaft von vor hundert Jahren faszinieren ebenso wie die weitschweifig gesponnenen Ausführungen von Gedanken und Gefühlen des Ich-Erzählers. Eine wunderbare Lektüre, die volle Konzentration verlangt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit den ausschweifenden Sätzen (ich brauchte etwa ein halbes Dutzend Anläufe mit meinem ersten Band) hat sich der Roman zu einem wahren Suchtmittel entwickelt. Hat man sich erst "eingelesen", so ist die ebenso gepflegte und farbige, wie auch glasklar sezierende Sprache ungemein erbaulich zu hören.

    Band 1 “Swanns Welt”

    der Preis von knapp vierhundert Euro für das Hörbuch erschien mir übertrieben, und so begnügte ich mich mit der Erinnerung an die Verfilmung, die da hieß “eine Liebe von Swann”. (Die Kokotte Odette sucht durch die Heirat mit Swann Zugang in die feine Gesellschaft - doch stattdessen verliert Swann sein hohes Ansehen).
    Die restlichen Bände stellt GsD unsere vorbildliche Stadtbibliothek zur Verfügung. :)

    Band 2 “Im Schatten junger Mädchenblüte”

    das über zwanzigstündige Werk schildert die ersten zarten Liebesgefühle des jungen Proust, der sich fanatisch in die selbigen hineinsteigern konnte. Bezaubernde Beschreibungen von Personen, Orten und Kultur.

    Band 3 “Guermantes”

    ein ähnlich fetter Schmöker auf 23 CDs, liest sich etwas langatmiger. Die vielen Personen können einen schon fordern. Herrlich bissig werden die Rivalitäten der Salons geschildert, die sich permanent mit gesellschaftlich möglichst hoch stehenden Besuchern zu überbieten versuchten. Frappierend, wie stark die Dreyfus-Affäre um einen jüdischen, des Landesverrats angeklagten Hauptmann, die Gesellschaft polarisiert. Antisemitisches Gedankengut beginnt sich breit zu machen.

    Auf die restlichen vier Bände freue ich mich schon, wenngleich es mir jetzt schon leid tut, dass schon so viel von dem wunderbaren Werk “weggelesen” ist.


    Peter Matic interpretiert die schwierige Lektüre wahrhaft begnadet. Mit ruhiger, klarer Intonation unterstützt er den Hörer beträchtlich beim Erfassen von Prousts unglaublichen Bandwurm-Schachtelsätzen. Seine unaufgeregte Melodie, die freundliche, verbindliche Stimmlage vervollständigen den riesengroßen Hörgenuss.

    Angesichts des Umfangs von etwa zwanzig Stunden pro Band verwundert es übrigens nicht, dass die vollständige Lesung einen Zeitraum von acht Jahren beanspruchte hat.
     
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    K

    käferli

    Guest
    Joy Fielding “Das Verhängnis”

    Die attraktive Suzy wird von ihrem Mann misshandelt, sie lernt in einer Bar drei Freunde kennen. Was mit einer harmlosen Wette beginnt, mündet in eine Katastrophe und zu guter Letzt in ein ziemlich überraschendes Ende.

    Hansi Jochmann liest diesmal etwas engagierter als in Joy Fieldings “Lauf, Jane, Lauf”. Trotzdem hört sich ihr Vortrag bieder und altbacken an. Ein großer Teil der Vokale klingt wie durch einen Knödel gepresst, so dass selbst bei den “tiefseelbauen Augen” vor meinem inneren Auge leider nur das Bild zweier trüber Tümpel entsteht.
     
  • K

    käferli

    Guest
    Peter Hoeg “Das stille Mädchen”

    verschrobener, surrealer Krimi

    Bei diesem Roman musste ich bestimmt ein halbes Dutzend Anläufe nehmen, weil ich bei den ersten Versuchen immer nur Bahnhof kapierte. Wegen der eindrucksvollen Sprache und des hervorragenden Vortrags wagte ich mich immer wieder aufs Neue daran.

    Klaramaria ist ein Kind mit ganz besonderen Eigenschaften. Nur der Artist und Zirkusclown Kasper, der ebenfalls besondere Fähigkeiten hat und sich dem Mädchen unerklärlich verbunden fühlt, kann sie aus den Händen böser Buben retten. Das Verständnis des überdrehten Krimis wird durch geschachtelte Zeitebenen und viele Szenen, die man erst im Nachhinein verstehen kann, erheblich behindert.

    Die Handlung ist grotesk und comicartig, mit viel Atmosphäre. Ein Genuss ist die anspruchsvolle Sprache, bei der der Autor von “Fräulein Smilla” weitgehend ohne Kommata auskommt.

    Max Volkert Martens liest die kurzen Sätze gedehnt und genau so exaltiert, wie der Roman geschrieben ist. Seine vielschichtige Intonation erweckt Kaspar zum Leben. Obwohl imho kein Mensch das Hörbuch nach nur einmaligem Hören verstehen kann ("Zurückblättern" wäre manchmal hilfreich), ist dank des großartigen Vortrags das Hörbuch dem Buch unbedingt vorzuziehen.

    Ein Buch, das ich mir bestimmt bald wieder anhören werde - wenngleich ich für jeden Verständnis habe, der das Werk womöglich für wirr und misslungen hält.
     
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    K

    käferli

    Guest
    Michael Tietz “Rattentanz”

    hanebüchenes Endzeit-Drama um einen Stromausfall im Schwarzwald.

    Eine gute Grundidee, schlimm umgesetzt. Zahllose Figuren, so flach wie Pappendeckel. Die Story ersäuft in belanglosen Beschreibungen. Ärgerlich die völlig überzogene Darstellung der anarchischer Verhältnisse nach nur wenigen Stunden Stromausfall, wie auch die platte Schwarzweißmalerei.
    Nach kaum einem Drittel habe ich kapituliert. Eine ärgerliche Zeitverschwendung. :mad:

    Achim Buch liest in gewohnter Klasse gegen den unsäglichen Text an. Was für eine bedauerliche Verschwendung seines ausgezeichneten Vortrags.
     
    K

    käferli

    Guest
    Andreas Eschbach “Herr aller Dinge”

    Futuristischer Wissenschaftsroman

    Der arme, aber hochintelligente Klischee-Japaner Hiroshi und die attraktive Diplomatentochter Charlotte sind auf wundersame Weise miteinander verbunden und begegnen sich über die Jahre hinweg immer wieder. Gutmensch Hiroshi will die Armut auf der Welt beseitigen. Seine wahrhaft innovative Erfindung aus dem Reich der Nano-Technologie könnte ihn dazu in die Lage versetzen.

    Faszinierend die ideenreiche Beschreibung einer komplexen neuen Technologie, die eingetretene Pfade verlässt und ungeahnte Horizonte eröffnet - eigentlich zu schön, um wahr zu sein.

    Unfassbar dagegen, dass ein derart herausragend intelligenter Mann wie Hiroshi die politischen Folgen seiner Erfindung nicht absieht und daher nicht die Umsicht besitzt, nebst seinen guten Taten für die Menschheit auch ein kleines happy end für sich und seine Liebe herauszuschlagen. Der Schluss berührt und stimmt traurig. Zugegebenermaßen ist er jedoch stimmig und darf gar nicht anders sein.

    Matthias Koeberlin liest ruhig und klar. Seine abgeklärte, stets unterschwellig bedeutungsschwangere Sprechweise trägt viel zur Faszination des Romans bei.
     
    K

    käferli

    Guest
    Rafik Schami “Die dunkle Seite der Liebe”

    Eindringlich erzählte Familiensaga um eine Blutfehde zwischen zwei weit verzweigten syrischen Clans, die überdies in sich tief zerstritten sind. Romeo (Farid) und Julia (Rana) kämpfen um ihre Liebe und ums Überleben.

    Das über 20-stündige Monumenalwerk ist aufgebaut als ein Mosaik von zahllosen Einzelgeschichten. Es geht um Liebesränke und Betrügereien, aber auch um Korruption und Barbarei, um Vergewaltigung, Terror und Folter vor der Kulisse wechselnder politischer Systeme und Diktaturen. Und natürlich geht es auch um Schamis geliebtes Damaskus, das lebendig und orientalisch pulsierend dargestellt wird. In schillernden Facetten wird der damaligen Alltag von muslimischen und christlichen Syrern geschildert, bei denen es nicht immer christlich zuging.

    Chronologische Sprünge machen das Hören des opulenten Werkes manchmal etwas anstrengend. Dafür erlaubt es der “modulare” Aufbau des Romans, jederzeit kleine Happen hören zu können, da man den weitgehend abgeschlossenen Kapiteln auch dann folgen kann, wenn einem ihre Einordnung im Gesamtkunstwerk momentan unklar ist.

    Markus Hoffmann und Andrea Hörnke-Triefa lesen beide kraftvoll und melodisch. Andrea Hörnke-Triefa glänzt überdies durch beeindruckende Wutausbrüche, wenn beispielsweise Farids Mutter ihr Kind gegen schlimmes Unrecht verteidigt (Achtung beim Autofahren: Lautstärke nicht zu stark aufdrehen!).
    Rafik Schami persönlich schildert im Anhang die vierzigjährige Entwicklung des Romans, welchem in der jetzigen Fassung die Original-Stammbäume dreier syrischer Großfamilien zugrundeliegen.
     
  • K

    käferli

    Guest
    Marc Elsberg „Blackout“

    Ein Stromausfall breitet sich von Italien und Schweden über ganz Europa aus. Der italienische IT-Spezialist Manzano kommt der Ursache auf die Spur. An verschiedenen europäischen Schauplätzen laufen die Ermittlungen heiß, buchstäblich in letzter Minute kann eine weltweite Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes verhindert werden.

    Die Geschichte lebt weniger von dem nicht immer ganz schlüssigen Aufklärungskrimi, sondern vom Horror des Alltags in der Situation eines länger dauernden Stromausfalls. Natürlich fallen Ampeln und Aufzüge aus, ebenso die elektronischen Medien und Internet. Aber auch: die Versorgung in Krankenhäusern, Tankstellen, Toiletten, Melkanlagen und vieles mehr.

    Dass Manzano das Taxi mit seinem letzten Bargeld bezahlt, wird lediglich in einem Nebensatz erwähnt und birgt in seiner Konsequenz mehr Gruselpotential in sich als die schlimmsten Missetaten der durchgeknallten Kleinbürger in Michael Tietzes (weiter oben beschriebenem) „Rattentanz“. Nach der Lektüre freut man sich unbandig über eine heiße Dusche und ein kühles Bier aus dem Kühlschrank.

    Steffen Groth hat ein besonderes Talent, den Figuren eigene Stimmen zu geben. Dabei trifft er die Charaktere sehr gut, zum Beispiel den bauernschlauen Bayern, der in einer Notsituation Wucherpreise für sein Benzin verlangt.
    Angesichts der Vielzahl der handelnden Personen hat er sich hier aber übernommen. Er muss schon tief in die Trickkiste von Heiserkeit und Akzenten greifen, um immer neue Stimmen zu erzeugen, die sich der Hörer ohnehin nicht alle merken kann.
     
  • K

    käferli

    Guest
    Patricia Cornwell “Scarpetta Factor”

    Langatmiger und überfrachteter Krimi um die New Yorker Gerichtsmedizinerin Dr. Kay Scarpetta

    An sich stellt die Arbeit einer Pathologin fast schon eine Garantie für fesselndes Krimivergnügen dar. Und so wäre die Aufklärung der Serienmorde ja auch leidlich spannend. Leider wird jedoch in diverse Vorgeschichten und Intrigen gegen die Protagonistin abgeschweift, was beim Hören den Eindruck eines “daily-soap”-Serienkrimis erzeugt.

    Wohl eher ein Buch für eingefleischte Scarpetta-Fans, für normale Krimileser nicht sooo packend.

    Nina Petri liest sehr ruhig und gleichförmig, aber diesmal erfreulich warmherzig und kein Bisschen schnippisch.
     
    K

    käferli

    Guest
    Arnaldur Indidrason “Abgründe”

    Islandkrimi

    Als Folge eines kleinen Freundschaftsdienstes wird Kommissar Sigurdir Oli in einen Mordfall verwickelt. Nach und nach deckt er die dahinter steckenden Motive und weitere Verbrechen auf. Parallel dazu wird eine weit zurückliegende Missbrauchsgeschichte bis zum bitteren Ende erzählt.

    Auch dieser in Island spielende Krimi besticht durch eine raue, melancholische Grundstimmung und die für Indidrason typische Erzählweise der leisen Töne. Vom beschaulichen Flair des kleinen Inselstaates kommt diesmal allerdings nicht ganz so viel herüber wie zuvor in “Todesrosen”.

    Schöner, ruhiger Kriminalroman, jedoch kein Lesestoff für Freunde spannungsgeladener Action.

    Walter Kreyes ruhige, mitfühlende Sprechweise unterstützt noch die düstere Stimmung des Romans. Dass er - angeblich - isländische Ortsnamen falsch ausspricht, hat seinen hervorragenden Vortrag für mich nicht beeinträchtigen können.
     
    K

    käferli

    Guest
    Bernhard Schlink “Der Vorleser”

    Der Roman spielt in der Nachkriegszeit. Im ersten Teil beschreibt Schlink einfühlsam und fesselnd die Liebesbeziehung des 15-jährigen Michael mit der 20 Jahre älteren Hannah, welcher er häufig Literatur vorliest.

    Von einem Tag auf den anderen verschwindet Hannah aus seinem Leben. Erst als Jurastudent sieht er sie unverhofft wieder. Sie ist Angeklagte in einem Prozess gegen mehrere KZ-Aufseher, den er im Rahmen eines Seminars beobachtet. Michael wird jetzt erst klar, dass sie Analphabetin ist und sich - da sie das nicht zugeben will - nicht richtig gegen die Anklage wehren kann.

    Die Geschichte ist faszinierend und bewegend. Die schmucklose, zugängliche Sprache spricht an. Ein kluges, menschliches Buch.

    Hans Korte liest hervorragend. Seine nicht zu junge Stimme überzeugt voll und ganz. Man glaubt ihm sofort, dass er alles genau so erlebt hat.
     
    K

    käferli

    Guest
    Cody McFadyen “Das Böse in uns”

    Wieder einmal geht es darum, einen Massenmörder zur Strecke zu bringen. Trotzdem handelt es sich hier eher um einen leidlich spannenden Krimi als den versprochenen Thriller - daran kann auch die Rekordzahl von weit über hundert Morde nichts ändern. Nach uninspirierten Ermittlungen findet die Story ein wenig spektakuläres Ende. Die Motive des Täters sind unlogisch und lassen sich bis zuletzt nicht so recht nachvollziehen.

    Das Privatleben von Ich-Erzählerin und FBI-Ermittlerin Smoky Barett und ihrem Team nimmt nervtötend viel Raum ein. Überflüssige Rückblenden in die Handlung der beiden Vorgängerromane (“Die Blutlinie” und “Todeskünstler”) stören - insbesondere nervt das wiederholte Lamento über früher erlittenes Ungemach.

    Was das Hörbuch dennoch hörenswert macht, ist die famose Lesekunst von Franziska Pigulla, deren Stimme ich bereits bei Dana Scully aus der Kult-Serie "Akte X" zu schätzen wußte. Sie liest lebhaft und klar akzentuiert und erweckt die Figuren zum Leben. Ihre dunkle, ausdrucksvolle Stimme mit diesem charakteristischen kleinen rostigen Knarzen hat einfach das gewisse Etwas, und vermag aus der lahmen Story viel mehr herauszuholen als eigentlich drin steckt.
     
    K

    käferli

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    Jürgen Domian „Der Gedankenleser“

    larmoyanter Fiktions-Roman

    Der ich-Erzähler Arne Stahl kann nach einem Blitzschlag plötzlich die Gedanken seiner Mitmenschen lesen. Die Idee erscheint zu Beginn recht vielversprechend und sogar spannend. Leider flacht die Story rasch ab.

    Nach einem Einblick in ihre wahre Gesinnung trennt sich Arne umgehend von seiner Frau. Alle Menschen in seinem Umfeld entpuppen sich als überaus abstoßende, unehrliche Zeitgenossen. Anders als Mel Gibson in „was Frauen wollen“ macht Arne nichts aus seiner Gabe, sondern flüchtet sich in ein Eremiten-Dasein.

    Ich verrate hoffentlich nicht zu viel mit der Info, dass Arne nach vielen Monaten der Einsamkeit einen aufrichtigen Freund kennenlernt (was langatmigst geschildert wird), und dass sich - quasi als Höhepunkt der Gefühle - seine Gabe eines Tages wieder verflüchtigt.

    Der Schreibstil erinnert an den Hausaufsatz eines mäßig begabten Oberschülers, „Was sollte ich denn nur machen“ , ich dachte „...“. Schon verblüffend, wie wenig man aus einem so schönen Thema machen kann.

    Gelesen wird vom Autor selbst. Zwar fehlerfrei und für einen Nicht-Schauspieler sicherlich respektabel, selbst wenn er über so manches Komma ungerührt hinwegliest. Leider verbreitet sein Vortrag eine dröge und transusige Stimmung, und passt damit sehr gut zur Story.

    Für die belauschten Gedanken verwendet Domian eine technische Verfremdung seiner eigenen Stimme, die - unfreiwillige Komik - stark an Kabarett-Versionen von Angela Merkels Stimme gemahnt.

    Nie werden wir erfahren, ob ein Stimmen(-ungs?)wunder wie Joachim Kerzel mehr aus der Geschichte gemacht hätte...
     
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    K

    käferli

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    Juli Zeh “Adler und Engel”

    Abgedrehter Politthriller, erzählt im Nebel des Drogenrausches.

    Juli Zehs Debütroman ist keine leichte Kost. Die Story wechselt zwischen realen Beschreibungen, Träumen und Dialogen. Eine große Zahl von Rückblenden (besser sollte man hier sagen “Flashbacks”) verlangen beim Hören größte Konzentration.

    Max ist im Begriff sich zu Tode zu koksen, weil er meint, ohne die magersüchtige und seelisch kranke Jessie nicht leben zu können. Zusammen mit weiteren kaputten Typen waren beide in kriminelle Machenschaften verstrickt. Es geht um die europäische Osterweiterung und groß angelegten Drogenhandel auf dem Balkan, mit dem die dortigen Kriege finanziert werden und um die Schiebungen, die hinter den Kulissen der großen Politik an der Tagesordnung sind.

    Reizvoll ist die Sprache: jung, originell, kraftvoll, mit starken Bildern. Sie lässt die nicht so arg sympathischen Protagonisten halb besinnungslos durch die etwas langatmige Handlung torkeln.

    Anna Thalbach ist als Sprecherin eine ausgezeichnete Wahl. Ihr atemloser Vortrag gibt die halluzinatorische Grundstimmung des Romans perfekt wieder. Sie verleiht den Charakteren eigene Stimmen und eigene Persönlichkeiten. Insbesondere die Figur der haltlosen, zerbrechlichen Jessie verkörpert sie in großer Intensität.

    Gewöhnungsbedürftig ist allerdings, dass diesmal eine weibliche Stimme die männliche “Ich”-Figur liest. Nach geraumer Zeit des Hörens wunderte ich mich daher, weshalb das Mädchen “Max” genannt wird.
     
    K

    käferli

    Guest
    Lars Kepler “Flammenkinder”

    Skandinavisch düsterer, spannender Thriller

    Nach “Der Hypnotiseur” ein weiterer Roman des hoch dekorierten schwedischen Autoren-Ehepaars, das mit dem Künstlernamen “Lars” an den verstorbenen Schriftsteller Stieg Larsson erinnern will.

    In einem Heim für sozial und psychologisch auffällige Mädchen werden zwei Leichen gefunden. Während die Polizei den Fall bald gelöst zu haben glaubt, ermittelt Kommissar Joona Linna auf eigene Faust weiter. Er erhält Unterstützung durch ein vermeintliches Medium, das mit Geistererscheinungen weiterhelfen will. Zunächst irritiert das übersinnliche Moment, doch es findet alsbald eine sehr reale Erklärung.

    Spannende Story, flüssiger und einfühlsamer Schreibstil (die Sprache passt sehr gut ins Milieu), gut gezeichnete Charaktere, überraschender Wendungen, dramatischer Showdown - was will man von einem Thriller mehr verlangen.

    Wolfram Koch liest zurückhaltend und sachlich-kühl. Seine raue Stimme und sein spröder Vortrag unterstreichen die düstere Atmosphäre des Romans.
     
    K

    käferli

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    Daniel Glattauer “Gut gegen Nordwind”

    Briefroman in Form eines lockeren Email-Dialogs

    Eine fehlgeleitete Email führt zu einer Korrespondenz zwischen der Webdesignerin Emma und dem Sprachpsychologen Leo. Die beiden verlieben sich (oder glauben das zumindest).

    Nach einem prickelnden und vielversprechenden Anfang beginnt das pseudo-witzige Blabla ein wenig zu nerven. Das Gesprächsthema beschränkt sich hauptsächlich auf das Sezieren der Zeilen des anderen und die momentanen eigenen Befindlichkeiten.

    Wenn man über das pubertär dahindümpelnde Sprachniveau hinwegsieht und nicht weiter darüber nachdenkt, wie glaubwürdig die aus den oberflächlichen Mails entstandenen angeblichen großen Gefühle sind, so hat man immerhin eine unbeschwerte, originelle Romanze vor sich, deren Reiz in ihrer Leichtigkeit und einem gewissen vergänglichen Schwebezustand liegt.

    Hervorragend gelesen von Andrea Sawatzki, welche die zickig-verklemmten Witzeleien der Emma schön spritzig und lebendig interpretiert, und ihrem Lebensgefährten Christian Berkel, der durch seine sympathische, markante Stimme auffällt. Die beiden lesen mit viel Herz und verwandeln das seichte Geplänkel in ein temperamentvolles und stellenweise sogar knisterndes Pingpong-Spiel.
     
    K

    käferli

    Guest
    Daniel Glattauer “Alle sieben Wellen”

    Absolut überflüssige Fortsetzung des soeben beschriebenen Romans.

    Nach einem eigentlich runden und stimmigen Abschluss wird nun - wieder in Form von Email-Dialogen - die Fortsetzung der Chat-Beziehung zwischen Emma und Leo weitergesponnen. Achtung: hoher Gähnfaktor!

    Leichtigkeit und lockere Flirts sucht man vergeblich. Die gestelzt-geistreichen Dialoge wirken angestrengter als im Vorgängerwerk. Dieser Austausch von Nichtigkeiten hätte sich völlig verlustfrei auf einige wenige Seiten zusammendampfen lassen. Aber die hätte man eben nicht als Folgeroman verkaufen können!


    An manchen Stellen kann nicht einmal das hervorragende Sprecherpaar Sawatzki/Berkel ein unangenehmes Gefühl des Fremdschämens verhindern. Mit diesem peinlichen Schnellschuss hat sich der Autor imho keinen Gefallen getan.
     
    K

    käferli

    Guest
    Dalai Lama “Das Buch der Menschlichkeit”

    Untertitel: eine neue Ethik für unsere Zeit.

    Nicht den Buddhismus will uns der Dalai Lama mit diesem Buch nahebringen, sondern ethisches Verhalten. “Wie werde ich ein besserer Mensch” und “Wie wird mein Leben glücklicher” sind zwei Fragen, die sich nicht voneinander trennen lassen.

    Obwohl keine wirklich neuen Gedanken unterbreitet werden, regt die Zusammenstellung bekannter Sichtweisen zum Nachdenken an. Dabei kommt seine Heiligkeit völlig ohne erhobenen Zeigefinger aus. Damit der Weg zur Erleuchtung nicht zu langatmig wird, habe ich mir das Hörbuch in vielen kleinen Portionen zu Gemüte geführt.

    Sprecher ist passenderweise Lutz Riedel, der Synchronsprecher des bekennenden Buddhisten Richard Gere. Seine Stimme ertönt hier wie ein Gong: sonor und sachlich. Schön anzuhören - und sehr inspirierend.
     
    K

    käferli

    Guest
    Wolfgang Hohlbein “Der Greif”

    Fantasy-Jugendbuch

    Der Jugendliche Mark kann (allerdings nur recht unkontrolliert) zwischen unserer und einer Parallelwelt wechseln, in welcher ein Monster namens "Greif" eine Schreckensherrschaft ausübt.

    Durch meine Unachtsamkeit hab ich diesmal ein Hörbuch erwischt. Wofür der komplexe Stoff denkbar ungeeignet ist. Trotz sehr guter Sprecher und raffinierter Sound-Effekte fehlt es der Produktion an Atmosphäre (und ein wenig Orientierung). Hier würde ich unbedingt das Buch vorziehen.
     
    K

    käferli

    Guest
    Jean-Christophe Grange “Das schwarze Blut”

    Psychothriller mit Ekelfaktor. Der Titel versteht sich wörtlich!

    Charakteristisch für den Autor sind packende Thriller vor faszinierenden weltweiten Kulissen. Die Schilderungen von Gewalt erfordern jedoch starke Nerven. Diesmal geht es speziell um die Erreichung von verschiedenen Zustände des Blutes.

    Aus persönlichen Gründen ist der skrupellose Paparazzo Mark Dupeyrat besessen davon, das Böse zu ergründen. Unter dem Namen "Elisabet" knüpft er einen Briefkontakt zu dem in Kambodscha inhaftierten charismatischen Massenmörder Jacques Reverdi. Bei seinen Recherchen quer durch Asien kommt er Reverdis bizarren Ritualen Schritt für Schritt näher.
    Als er Reverdi dessen grausiges Geheimnis schließlich vollständig aus der Nase gezogen hat und als Thema für seinen ersten, sehr erfolgreichen Roman ausschlachtet, entkommt der liebestrunkene und vor Wut schäumende Reverdi dummerweise aus dem Gefängnis - ein Alptraum mit unvorhersehbarem Ende beginnt.

    Auch dieser Roman zeichnet sich durch atmosphärisch dichte realistische Milieuschilderungen (man spürt, dass der Autor die Schauplätze seiner Thriller selbst bereist hat) und eine schöne poetische Sprache aus, kann sich jedoch mit dem grandiosen “Flug der Störche” oder dem weithin bekannten “Die purpurnen Flüsse” nicht messen - was mit an einigen logischen Brüchen und unglaubwürdigen Zufällen liegt.

    Joachim Kerzel (der auch den Dennis Hopper alias Hannibal Lecter gesprochen hat) liest spitzenmäßig. Die ruhige, tiefe Stimme des Super-Serienmörders lässt den Hörer erschaudern. Man spürt förmlich dessen kalte, berechnende Art, fühlt seine Befindlichkeiten.
     

    Mariaschwarz

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    München
    Hallo, Käferli,
    als Filmfuzzi muss ich widersprechen. Der wunderbare Anthony Hopkins gibt den Hannibal. Obwohl.... Dennis Hopper ist auch wunderbar.
     
    K

    käferli

    Guest
    Hast Recht Mariaschwarz,

    Hopper... Hopkins... Hab mich vertan. Und der Kerzel spricht seine Stimme auch nur in den Folgefilmem vom "Schweigen der Lämmer".

    Käferli, ertappt :p
    Ohne Quatsch jetzt - das Gedächtins lässt bedenklich nach:(
    Heute morgen fiel mir glatt der Vorname von Herrn Clinton nimmer ein
     
    K

    käferli

    Guest
    Ilja Trojanow “Der Weltensammler”

    exotischer Abenteuerroman

    Der britische Kolonialoffizier Richard Francis Burton (1821-1890) bereist Indien, pilgert nach Mekka, reist nach Afrika, um die Quellen des Nils zu finden. Der Weltenbummler interessiert sich so sehr für die bereisten Länder, dass er sich sich nicht nur die Landessprachen aneignet, sondern sogar die jeweilige Religion einverleibt. Hinduismus, Islam und afrikanische Naturreligionen werden dem Leser dabei anschaulich nahegebracht.

    Burtons Erlebnisse und sein Erleben werden in einer sinnlichen, bildreichen Sprache atmosphärisch dicht beschrieben. Besonders bei der eindrucksvollen Schilderung der Umrundung der Kaaba in Mekka ist der Leser mit allen Sinnen hautnah dabei. Kaum vorstellbar, dass Trojanow die Kulissen nicht mit eigenen Augen gesehen hat, und tatsächlich las ich später, dass der muslimische Autor Burtons Wege zu Fuß nachgelaufen ist.

    Trotz der schönen Sprache ist der Roman keine leichte Kost. Sprünge in der Handlung sowie wechselnde Erzählperspektiven erfordern eine hohe Konzentration, auch die vielen Namen sollte man sich halbwegs merken können.

    Frank Arnold liest meisterhaft, wunderbar präzise und sauber. Seine Stimme erweckt die Charaktere zum Leben.
     
    K

    käferli

    Guest
    Sarah Lark “Die Insel der roten Mangroven”

    Ziemlich seichte Schmonzette vor dem Hintergrund der ersten Sklavenaufstände in Jamaica und Hispaniola (heutige Dom Rep). Die Liebe zwischen der verwöhnten Deidre und dem tüchtigen Arzt Viktor entwickelt sich umspektakulär und geradlinig bis in den Hafen der Ehe. Aus Langeweile erliegt das Mädchen jedoch schon bald der Anziehungskraft des farbigen Jefe.

    Die parallel dazu erzählten Erlebnisse von Bonnie und Jefe auf einem Piratenschiff sollen wohl eine Portion Abenteuer beisteuern, doch es bleibt auch hier bei einem sehr weichgezeichneten, jugendfreien Niveau.

    Naja. Immerhin geht es auch - unter Ausblendung der größten Brutalitäten - um die Zustände, unter denen die Sklaven auf den Plantagen leben müssen, und das dekadente Verhalten ihrer Besitzer. Auch werden die der Inselparadiese in der Karibik recht stimmungsvoll beschrieben. Einzig die schwüle Liebesgeschichte zwischen Deidre und Jefe verhindert, dass das Werk als Jugendbuch durchginge.

    Sprecherin Yara Blümel liest in durchgehend heiterem Plauderton - egal ob es um eine vergnügte Ballszene oder die Züchtigung eines Sklaven geht.
     
    K

    käferli

    Guest
    Suzanne Collins: Die Tribute von Panem, Teil 1 (“Tödliche Spiele”)

    Obwohl der Roman hier im Forum schon mehrfach hoch gelobt wurde war es reiner Zufall, dass wir uns die Verfilmung des ersten Teils der Trilogie im Fernsehen anguckten. Boah, wieso hat denn nie jemand mehr über die Handlung dieses Fantasy-”Jugendbuches” erzählt? Der Film war so stark, dass ich mir umgehend das Hörbuch besorgte.

    Die imaginäre Vorgeschichte wird eingangs im Schnelldurchlauf erzählt: 13 Distrikte existierten einst im ehemaligen Amerika. Als diese gegen das allmächtige Kapitol aufbegehren, wird Distrikt 13 dem Erdboden gleich gemacht und die Aufstände niedergeschlagen. Als Mahnung und Bestrafung werden jährlich die “Hungerspiele” veranstaltet, die natürlich öffentlich ausgestrahlt werden: Aus jedem Distrikt werden mittels Los ein Junge und ein Mädchen im Alter zwischen zwölf bis achtzehn Jahren bestimmt, die in den Spielen um ihr Leben kämpfen müssen. Nur ein einziger Sieger wird die Spiele überleben.

    Die sechzehnjährigen Katniss und der junge Peeta brechen also zu den Spielen auf, wohl wissend, dass mindestens einer von ihnen sterben muss. Was ab da passiert: jedenfalls kein Stoff für Fingernagelkauer.

    Superspannend, das in der Ich-Form verfasste Hörbuch noch mehr als der Film. Vorbereitung und Verlauf der Kämpfe gönnen einem kaum Verschnaufpausen. Ungeachtet seiner blutrünstigen Handlung ist die Story hochemotional.

    Maria Koschny liest das Hörbuch professionell. Ein genialer Schachzug, für die “Ich”-Figur gerade die Synchronsprecherin der Katniss zu wählen. Dadurch wurden viele eindringliche Szenen des Films noch einmal unglaublich präsent.
    Wozu ihre Stimme mit einem eigenartigen Halleffekt unterlegt wurde, ist mir nicht ganz klar geworden - es macht aber auch nichts aus.
     
    K

    käferli

    Guest
    Suzanne Collins: Die Tribute von Panem (Fortsetzungen)

    Gleich nach der Lektüre des ersten Teils musste natürlich Teil 2 der Trilogie (“Gefährliche Liebe”) als DVD her. Hier wird - nach einer etwas langatmigen Überleitung - die erfolgreiche Idee von Teil 1 weitergelutscht.

    Es finden also nochmals Spiele statt, diesmal besonders zynische“Jubiläums-Jubelspiele”, die unter den bisherigen Siegern aus allen Distrikten ausgelost werden, und an denen unsere Helden abermals teilnehmen müssen. Erst nach dem spektakulären Abbruch der Spiele erfährt der Zuschauer, dass im Hintergrund eine Handvoll “Rebellen” die Strippen gezogen haben, um den Protagonisten das Überleben zu sichern.

    In diesem Teil bleibt die Emotionalität (das große Plus in Teil 1) leider auf der Strecke. Das Ende war zudem so unverschämt vernichtend und unheilschwanger, dass ich - quasi gezwungenermaßen - danach gleich zum Hörbuch von Teil 3 griff.


    In Teil 3 (“Flammender Zorn”) geht es schließlich nur noch um die Revolution. Martialisch, blutrünstig und düster, und längst nicht mehr so phantasievoll und emotionsgeladen wie der erste Teil. Liest sich wie ein beliebiges Kriegsgeschehen in einer fernen Zukunft.

    Katniss kämpft zwar wacker mit, jedoch nur noch als eine Randfigur, die von den Machern der Rebellion werbestrategisch benutzt wird. Am Ende hat sie noch einen großen Auftritt und tut genau das Richtige. Wie daraufhin mit ihr verfahren wird, ist jedoch extrem unbefriedigend. Ein Epilog soll vermutlich mit dem Ende versöhnen. Mich hat er nur noch mehr deprimiert.

    Fazit: Das hohe Niveau des ersten Teils konnte in beiden Fortsetzungen leider nicht gehalten werden.

    Maria Koschny liest wieder sehr sauber, diesmal wird auf verfremdende Effekte verzichtet.
     
    K

    käferli

    Guest
    Douglas Adams “Per Anhalter durch die Galaxis”

    Durchgeknallte Science-Fiction-Satire von 1979

    Als Arthur Dent eines Tages aufwacht und merkt, dass sein Haus abgerissen wird, geht für ihn im wahrsten Sinne des Wortes die Welt unter. Die Erde soll nämlich für eine Hyperraum-Umgehungsstraße gesprengt werden. Mit Hilfe seines - rein zufällig außerirdischen - Freundes Ford Prefect entkommt Arthur knapp seinem explodierenden Heimatplaneten, und findet sich an Bord eines Abrissschiffes der Vogonen wieder. Von da an geht es drunter und drüber, die Story jagt von einer Absurdität zur nächsten.

    Ein Highlight ist Marvin, der nervtötend manisch-depressive Androide. In äußerst brenzliger Situation hört man seine blecherne Stimme im Hintergrund ergeben “So nimm denn meine Hände” singen. Sein aufdringlich-munteres Gegenstück Eddie (“mein Gehirn ist so groß wie ein Planet”) muss sich dagegen schon mal mit einem “Halt die Klappe” zur Räson bringen lassen.

    Natürlich merkt man dem Kult-Werk von einst sein Alter an. Doch auch heute verfehlt die zum Teil zynische Kritik an unserem Lebensstil und der Arroganz der Menschheit ihre Wirkung nicht. Das Hörbuch (Hörspiel-Version von 1981) ist - selbst in deutscher Übersetzung - immer noch ein anarchisches Hörvergnügen.


    Ausnahmsweise findet hier ein Hörspiel meinen uneingeschränkten Beifall. Das später von Christian Ulmen geschnarchte Hörbuch kann dem betagten Hörspiel nicht das Wasser reichen. Die akustischen Effekte des Hörspiels bestechen durch ihre Schlichtheit. Die Sprecher (Erzähler Rolf Boysen, Felix von Manteuffel als Arthur Dent, Klaus Löwitsch genial als Zaphod Beeblebrox, und viele mehr) gehen voll mit. Man hat den Eindruck, dass sie im Studio eine Riesengaudi haben - die sich auf den Hörer überträgt.
     
    N

    niwashi

    Guest
    Douglas Adams “Per Anhalter durch die Galaxis”

    Durchgeknallte Science-Fiction-Satire von 1979

    ...

    man kann sich auch den genialen Film geben ... besonders herrlich umgesetzt finde ich Marvin!
    alle 5 Teile (ha, es ist gar keine Trilogie) gabs seinerzeit in einer jeweils andersfarbig gedruckten Ausgabe bei 2001!
    Grenzgenial für alle Englisch-Freunde: gebt euch das Orginal-Hörspiel!

    und last but not least: Adams´ "Last Chance To See" ... eine heitere Dokumentation (geht das? jawoll geht!) über vom Aussterben bedrohte Tiere - sowohl als BUCH (nix HÖRbuch) als auch als Film

    n!!!

    PS Danke Käferli, dass mich dran erinnert hast, dass ich dieses herrliche Kleinod der Weltliteratur wieder mal lesen sollte!
     
    K

    käferli

    Guest
    Jean Raymonds “Die Vorleserin”

    Frivoler kleiner Roman, der 1988 mit Miou-Miou verfilmt wurde.

    Marie-Constance lebt in einer südfranzösischen Kleinstadt. Sie liebt die Literatur und sie hat eine angenehme Stimme. So beschließt sie, Vorleserin zu werden, mit dem ehrenwerten Ziel, ihren Mitmenschen die Literatur näher zu bringen.

    Per Inserat findet sie einige Interessenten, unter anderen den pubertären Eric, den Marie-Constances Beine wesentlich mehr faszinieren als die Lektüre ("könnten Sie nächstes mal vielleicht ohne Höschen kommen, Madame?"). Den rachitisch schnaufenden unbeholfen notgeilen Topmanager Michel Dautrand, dem das aufgeschlossene Mädchen seinen Bildungs- als auch seinen Liebeshunger stillt. Einen pensionierten Richter mit sehr speziellen literarischen Interessen.

    Marie-Constances liest und liest. Doch ihr literarisches Sendungsbewußtsein hat Grenzen. Als drei besonders ehrenwerte Herren von ihr eine “Gruppenvorlesung” eines Werks von de Sade erwarten, empfiehlt sie sich mit einem tiefen Knicks und einem befreienden Türenknallen, welches zugleich das Ende ihrer Karriere als Vorleserin markiert.

    Die heiter-beschwingte musikalische Untermalung am Ende gibt der Geschichte dann tatsächlich noch den Touch einer gewissen Leichtigkeit, auch wenn dieselbe insgesamt mehr naiv als erotisch prickelnd anmutet.

    Svenja Pages spricht in dem Hörspiel die Hauptfigur. Mit ihrer sympathischen hellen Stimme rezitiert sie so hingebungsvoll, dass sie in der Tat für die Position einer Vorleserin bestens geeignet wäre.
     
    K

    käferli

    Guest
    Colin Cotteril “Der Tote im Eisfach”

    Der Krimi mit dem eigenwilligen Titel spielt im kommunistischen Laos der 70er Jahre. Weil der neue russische Aufbewahrungsschrank für Leichen so unerwartet gut kühlt, wird ein Leichnam kurz vor der geplanten Obduktion versehentlich tiefgefroren, und muss mit einfachsten Mitteln (auch Körpereinsatz!) aufgetaut werden. Bei der “Löffelprobe” bemerkt Dr. Siris Assistentin Dtui rein zufällig, dass sich in dem Leichnam eine gefährliche Bombenfalle befindet.

    Parallel dazu wird der kauzige Pathologe ins Land der Hmong entführt, eines unterdrückten Bergvolkes, dessen Schicksal - fernab von aller Klamotte - das eigentliche Hauptthema des Romans darstellt. In überraschend leisen Tönen werden die Lebensverhältnisse der Laoten geschildert.

    Um die Protagonisten besser kennenzulernen empfiehlt es sich eigentlich, mit dem ersten Band “Dr. Siri und seine Toten” der bislang sechsteiligen “Dr. Siri”-Reihe zu beginnen.

    Jan Josef Liefers liest mit hörbarem Vergnügen und wie gewohnt sehr abwechslungsreich. Nur einige Passagen sind mir persönlich etwas zu klamottig interpretiert, zudem irritierte es mich, diesmal an einigen Stellen die Filmfigur des kauzigen Tatort-Rechtsmediziners Professor Börne durchzuhören.
     
    K

    käferli

    Guest
    John Katzenbach “Die Anstalt”

    Psychiatriethriller

    Katzenbach bleibt seinem Metier treu. Die Geschichte spielt in einem Mikrocosmos namens Irrenanstalt. Mitten in der Normalität der Gestörten ereignet sich ein Mord. Francis, der noch der normalste unter den ganzen Patienten zu sein scheint, wird in die Aufklärung mit eingebunden.

    Der Reiz der Story liegt in der Art und Weise, wie aus der Sicht eines Schizophrenen geschrieben wird. Der Alltag in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt in den 70er Jahren ist gut recherchiert und wird glaubhaft präsentiert. Gruselig. Der ständige Kampf mit den Stimmen in Francis` Kopf, die Beschreibung der Mitinsassen, despotischer Pfleger und der beklemmenden Atmosphäre in der Anstalt lassen die Suche nach dem Mörder zeitweise fast nebensächlich erscheinen.

    Chronologische Sprünge und Perspektivwechsel und die die Darstellung innerer Zwiegespräche wirken verwirrend. Oft ist nicht völlig klar, welche Personen real oder nur in Francis Kopf existieren. Der Showdown und der Schluss wirkten selbst für den gewählten Handlungsort sehr wirr und irr. Wer der mörderische “Engel” war, wird zwar aufgeklärt, aber seine Person und Motive bleiben dennoch im Dunkel.

    Die Erzählung geschieht in zwei Ebenen, welche durch zwei Sprecher repräsentiert werden. Thomas Danneberg spricht den Francis, der in der Ich-Form - immer noch unter dem Einfluss von Psychopharmaka - von seinem heutigen Leben erzählt. Er versteht es hervorragend, die innere Unruhe und Verrücktheit des Francis, wie auch seine Stimmungsschwankungen und Rückfälle in seine Stimme zu legen.

    Die langen Rückblenden aus der Perspektive eines außenstehenden Erzählers liest dagegen John-Katzenbach-Stammsprecher Simon Jäger. Er stattet jede Figur mit einer eigenen charakteristische Stimme und Tonlage aus, und gibt auch die jeweilige Stimmung brilliant wieder. Bei manchem Gefühlsausbruch der Heiminsassen läuft es einem kalt den Rücken hinunter. Mich verblüffte es insbesondere, die Figur der Lucy mit eindeutig weiblicher Stimme sprechen zu hören - eine perfekte Illusion.
     
    K

    käferli

    Guest
    Tess Gerritsen “Die Chirurgin”

    Thriller im Mediziner-Milieu

    Routinierter Psychothriller mit allem, was ein solcher eben so braucht. Serienmorde, literweise triefendes Blut, kniffelige Schnitzeljagd, Einblick in die verquere Seelenlage des Täters, und ausgiebiger (wenn auch wenig überraschender) Show Down. Sogar für eine kleine Schmonzette war noch Raum.

    Spannend und flüssig geschrieben, aber trotzdem... Für mein Empfinden hat es die Autorin diesmal mit den unfreundlichen Tötungsritualen übertrieben. Mir persönlich ist es überhaupt lieber, wenn die Innereien drin bleiben.
    :(

    Dieser Roman Tess Gerritsens wird ausnahmsweise nicht von der genialen Mechthild Großmann vorgetragen.
    Claudia Michelsen
    liest an sich sehr sauber. Dass in fast jedem Satz Mitgefühl und Betroffenheit mitschwingen ist gut gemeint, erscheint mir für diese Art von Thriller jedoch etwas daneben.
     
    K

    käferli

    Guest
    Sebastian Fitzek “Der Augenjäger”

    rasanter, trashiger und unübersichtlicher Thriller

    Zur Erinnerung: dem ansonsten rundum abgeschlossenen Vorgängerroman “Der Augensammler” wurde wie ein überflüssiger Kropf ein offenes Ende aufgesetzt. Daher beginnt der “Augenjäger” denn auch mit umfangreichen Rückblenden und Verweisen, die den Leser mit dem Vorangegangenen vertraut machen.

    Reporter Alexander Zorbach muss weiter ermitteln. Wieder unterstützt ihn dabei die blinde Alina, die über paranormale Fähigkeiten verfügt. Die Geschichte um einen psychopathischen Augenchirurgen, der bestimmten Frauen sehr spezielle Behandlungen zuteil werden lässt, gleicht einer temporeichen Achterbahnfahrt. Nichts ist so wie es scheint. Es gibt kühne Wendungen, deren letzte sich um 180 Grad dreht und rückwirkend auch das Vorgängerwerk in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt.

    Die teilweise sehr abstrusen und nicht immer logisch schlüssigen Handlungshäppchen, aus denen die Story konstruiert ist, sind jeweils so fesselnd geschrieben, dass man sich bei Szenenwechseln oft nur unwillig lösen mag. So wird der Leser durch eine Strudel aus Wahn und Gewalt gejagt.

    Ganz zum Schluss treibt es Fitzek zu weit mit seinen gewagten Volten. Zuerst gibt es ein völlig anderes Ende als im Vorfeld angedeutet, dann wird auch dieses einfach über den Haufen geworfen und - nach einem persönlichen Kommentar des eitlen Autors - komplett anders neu gestrickt. Sprich: der Leser darf sich selbst aussuchen, welche Variante er für den Schluss bevorzugt. Was allerdings der Story nachträglich den letzen Rest von Ernst nimmt.

    Der großartige Simon Jäger zeigt sich in Höchstform. Er hält das Tempo und liest genussvoll wie selten. Von allen Figuren ragen vor allem die Bösewichter durch ihre unnachahmlich aufreizend intonierte Perfidie heraus.
     
    Zuletzt bearbeitet:
    K

    käferli

    Guest
    Michael Ondaatje “Katzentisch”

    Hinreißender Erinnerungsroman

    Drei elfjährige Jungen wurden zu Beginn der 1950er-Jahre von ihren Eltern ohne Begleitung Erwachsener mit dem Schiff aus Sri Lanka nach London geschickt, wo sie ihre weitere Ausbildung bekommen sollen. Die drei Jungs und einige andere Passagiere, die nicht in der 1. Klasse reisen, also nicht in der Nähe des Kapitänstisches sitzen dürfen, sind am “Katzentisch” untergebracht. All diese exzentrischen Persönlichkeiten werden einem beim Lesen des bunten Fleckenteppichs aus Dutzenden von Geschichten - gesehen durch Kinderaugen - vertraut.


    Das Schiff präsentiert sich den Jungen als luxuriöser schwimmender Abenteuerspielplatz, auf dem sie jeden Tag mindestens ein Verbot zu übertreten versuchen. Der Autor schildert die große Freiheit der drei in der Ich-Form des erwachsenen Michael, in Rückblenden, mit viel Gespür und Sympathie für seine Figuren. Seine phantasie- und gefühlvolle, eindringlich schöne Erzählweise verzaubert.

    Johannes Steck liest wie gewohnt meisterhaft. Seine wandlungsfähige Stimme gibt alle Männer-, Frauen- und diesmal auch Kinderrollen mitsamt der jeweiligen Seelenlage wieder. Beim Hören fühlt man sich in eine längst vergangene Zeit voll Abenteuer, Romantik und Geheimnis zurückversetzt.
     
    K

    käferli

    Guest
    Ransom Riggs: “Die Insel der besonderen Kinder”

    Jugendroman, der die Bezeichnung Fantasy wirklich verdient

    Als Kind lauscht Jakob gebannt den Märchen seines Großvaters. Die Geschichten handeln von Kindern mit besonderen Fähigkeiten, die sich vor schlimmen Monstern verstecken müssen. Als Jahre später der Großvater unter mysteriösen Umständen stirbt, sieht Jakob mit eigenen Augen eines der in den vermeintlichen Märchen beschriebenen Monster. Der 15-jährige folgt den rätselhaften Anweisungen, die ihm der Großvater mit letzter Kraft gab, und macht sich auf, um die Kinder zu warnen.

    Zur Abwechslung einmal ein Buch, das einigermaßen spannend und gruselig ist, ohne dass dabei Unmengen von Blut fließen müssen. Mit den kampferprobten “X-Men” haben die besagten Kinder übrigens nicht viel gemein. Die Geschichte besticht nicht durch hektische Action, sondern durch eine gewisse Bedächtigkeit und märchenhafte Anmutung. Manchmal möchte man den jugendlichen Protagonisten und Ich-Erzähler ob seiner Begriffsstutzigkeit direkt anstupsen, wenn er deutliche Hinweise auf drohende Gefahren nicht bemerkt.

    Wieder einmal liest Simon Jäger rundum perfekt. Er schafft eine dichte Atmosphäre und lässt auch hier unterschiedlichsten Charaktere alleine durch seine Stimme auferstehen. Seinem Vortrag ist es mit zu verdanken, dass das Jugendbuch durchaus auch Erwachsene anspricht.
     
    K

    käferli

    Guest
    Jiang Rong “Der Zorn der Wölfe”

    Beeindruckendes Epos über die mutwillige Zerstörung eines sensiblen Ökosystems

    Der junge Chinese Chen Zhen wird in die innere Mongolei versetzt, wo ihm der weise alte Mongole Bilgee viel über die fremde Kultur beibringt. Chen Zhen lernt die Wölfe - Totemtiere der Mongolen - bewundern und lieben. Er muss jedoch mitansehen, wie durch Einwirken der chinesischen Politik die konsequente Ausrottung der klugen und mutigen Tiere betrieben wird, und welche verheerenden Folgen dies auf das urtümliche Grasland hat - welches im Vorfeld in malerischen Farben als wahres Paradies beschrieben wurde.

    Die barbarische Vernichtung natürlicher Resourcen zugunsten kurzfristiger wirtschaftlicher Erfolge durch blinden Kadergehorsam wird recht packend dargestellt. Allerdings nerven die gebetsmühlenartigen Wiederholungen der ökologischen Zusammenhänge, die in China (wo der Roman ein Bestseller ist) nicht in dem Maße bekannt sind wie bei uns.

    Der Autor hat mit viel Liebe zum Detail geschrieben. Mit seiner Reflexion der chinesischen Gesellschaft im Umgang mit ihren ethnischen Minderheiten hat er sich politisch weit aus dem Fenster gelehnt.

    Martin Brose hängt sich voll rein. Seine Stimme spiegelt das aggressive Auftreten der zahlenmäßig bald überlegenen Han-Chinesen sehr emotional wieder. Mir persönlich war sein Vortrag - bei allem Verständnis - stellenweise zu krawallig.
     
    K

    käferli

    Guest
    Chris Carter “Der Kruzifix-Killer”

    Solider Thriller ohne übermäßigen Tiefgang

    Ja Kruzifix! Da hat sich ein Autor mal eine besonders abscheuliche Mordmethode erdacht. Die Grausamkeit der Taten ist allerdings der einzige Superlativ in diesem nach üblichem Strickmuster verfassten Thriller.

    Ein Massenmörder mordet bestialisch und kennzeichnet seine Opfer mit einem tätowierten Kreuzzeichen. Er zwingt den ermittelnden Kommissar Hunter zur Teilnahme an ausgefuchsten Spielchen um das Leben weiterer Opfer. Bis fast hin zum ebenso überraschenden wie unglaubwürdigen Ende haben die Ermittler kaum eine Spur zu dem hochintelligenten Täter.

    Dass der Autor tatsächlich forensische Psychiatrie studierte, merkt man der an den Haaren herbeigezogenen wenn auch spannenden Story kaum an.

    Achim Buch habe ich schon als ausgezeichneten Sprecher kennengelernt. Für Frauenstimmen hat er jedoch kein glückliches Händchen. Durch vermehrtes Quietschen wird eine Stimme nicht automatisch weiblich. Und das gerollte “R” allein erzeugt noch keinen italienischen Akzent. Mir jedenfalls vermittelte die Stimme der angeblichen rassigen Italienerin Isabella das Bild eines ältlichen Komikers von undefinierbarer Latino-Herkunft. Was mir ärgerlich die Imagination versaute.
     
    K

    käferli

    Guest
    Anne Perry: “Digbys erster Fall”

    gestelzter kleiner Briten-Krimi für zwischendurch

    Als einer der Hausgäste tot aufgefunden wird, begibt sich Hausmädchen Digby auf die Spuren von Sherlock Holmes und kombiniert messerscharf. Ganz nett. Die Kürze (nur ca. eine Stunde) gereicht der Geschichte zum Vorteil.

    Eva Mattes liest lebendig und mit einer kleinen Dosis Augenzwinkern. Ihre Stimme schafft die steife, viktorianische Atmosphäre, die zum Thema passt. Vielleicht nicht unbedingt lesens-, aber auf jeden Fall hörenswert.
     
    K

    käferli

    Guest
    John Grisham: “Der Richter”

    Krimi, in dem weder Mord noch Totschlag vorkommen.

    Ray findet im Haus seines soeben verstorbenen Vaters, eines integren Richters, drei Millionen Dollar unbekannter Herkunft, verpackt in Kartons. Er beschließt, das Geld erst einmal an sich zu nehmen und ist zunächst unschlüssig, wo er es deponieren soll. Sein Unbehagen steigert sich zu richtigem Stress, als sich herausstellt, dass noch jemand von dem Geld weiß, und dieser Jemand über all seine Schritte sehr gut informiert ist.

    Obwohl die Story an sich nicht übermäßig spannend klingt, vermag der Roman dank Grishams versiertem Schreibstil doch zu fesseln. Nach der Lektüre ist man erst einmal erleichtert, nicht selbst so viel Geld verwahren zu müssen.

    Charles Brauer interpretiert auch diesen Grisham bodenständig und angenehm unaufgeregt.
     
    K

    käferli

    Guest
    Nagut. Auf vielfachen Wunsch eines einzelnen Herrn :pa: huhu :pa: mal wieder ein Hörbuch:


    Muriel Barbery: “die Eleganz des Igels”


    Sprachlich hochgestochener Roman über zwei unvorstellbar intelligente Frauen.

    Renée, eine unscheinbare Concierge in Paris, die ihre hohe Bildung (welche die Autorin mit “Intelligenz” verwechselt) geschickt verbirgt und Paloma, überheblich-altkluge pubertierende Tochter reicher Eltern, schließen Freundschaft.

    Man merkt, dass die Autorin Philosophie studiert hat. Mit einem Übermaß an Einfügungen aus dem Reich der Geisteswissenschaft, Kunst und Literatur, garniert mit zu vielen überflüssigen Fremdworten, vermag sie vielleicht ihr eigenes Ego zu polieren. Der Normalo-Leser reagiert leider eher irritiert als beeindruckt.

    Die sperrigen Sätze lesen sich zäh. Obwohl sich die Sprache so elitär gibt, scheitert sie schon bei einfachen Vokabeln an einer nicht sehr treffsicheren Wortwahl. Ob es z.B. der Fernsehmoderator ist, welcher “präzisiert”, dass die beiden Synchronschwimmerinnen keine Zwillinge sind, oder auch der Buchtitel selbst: was an dem Inneren des stachelbewehrten Igels (im übertragenen Sinne also Renée) besonders “elegant” sein soll, bleibt bis zum Ende ungeklärt.

    Dächte man sich die vielen selbstverliebten pseudophilosophischen Gedankenabschweifungen und das aufdringliche Postulat der überragenden Intelligenz der beiden Mädels einfach mal weg, so verbliebe womöglich ein heiterer, kurzweiliger und warmer Roman über zwei Außenseiterinnen.

    Katharina Thalbach spricht die Rolle der Renée warm und einfühlsam, sehr überzeugend. Anna Thalbach als Paloma überzeugt dagegen weniger. Was nur zum Teil an ihrer heftig stockenden, etwas schrillen Sprechweise liegt. Zu Großteil liegt es an den Texten selbst, die man einer Zwölfjährigen schlicht nicht abnehmen mag.
     

    Leobruder

    Neuling
    Registriert
    10. Juli 2014
    Beiträge
    1
    Wie wäre es denn mal mit ein paar Gedichten! Ich weiß, das ist etwas aus der Mode gekommen. Ist ja gelegentlich auch etwas rührselig. Dennoch: ich steh drauf. Hier um Beispiel das:


    Im Garten

    Die hohen Himbeerwände
    Trennten dich und mich,
    Doch im Laubwerk unsre Hände
    Fanden von selber sich.

    Die Hecke konnt’ es nicht wehren,
    Wie hoch sie immer stund:
    Ich reichte dir die Beeren,
    Und du reichtest mir deinen Mund.

    Ach, schrittest du durch den Garten
    Noch einmal im raschen Gang,
    Wie gerne wollt’ ich warten,
    Warten stundenlang.

    Theodor Fontane

    Mehr gibts hier oder hier
     
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    K

    käferli

    Guest
    Tja Leuts,

    angehört ist ja immer schnell, aber bis wieder mal eine Beschreibung zusammengefrickelt ist... Nagut...


    Sten Nadolny: “Die Entdeckung der Langsamkeit”

    Roman über den britischen Seefahrer und Polarforscher John Franklin (1786 - 1847)

    Der Titel ist Programm. Dem elfstündigen Roman wird die fiktive Figur eines John Franklin zugrunde gelegt, der sich durch eine extreme Langsamkeit des Denkens und Agierens auszeichnet. Nach herkömmlichem Verständnis erscheint der Werdegang eines solchen Mannes als Konteradmiral und Gouverneur von Tasmanien äußerst überraschend. Doch Nadolny führt jegliche Erfolge des Mannes gerade auf die einzigartige Gabe seiner Langsamkeit zurück, die er durch Willensstärke besiegt - ein Credo, welches in seiner Penetranz manchmal nervt.

    Die subtile Sprache zieht kurze Gegebenheiten durch Beschreibung zahlreicher Details in die Länge und führt so auch beim Lesen zu einer Verlangsamung. Action und Abenteuer dienen lediglich als Aufhänger für das eigentliche Erleben. Und das ist die Stärke des Romans: Der Leser erlebt hautnah das Empfinden des Zehnjährigen, der von Gleichaltrigen gehänselt wird und bei den Eltern keinen Rückhalt findet (und wie der intelligente Junge sein Handicap kompensiert). Den Horror und die Unentrinnbarkeit einer Seeschlacht (und wie sich die Lage durch das Bewahren von Ruhe manchmal retten lässt). Die unbeschreiblichen Entbehrungen einer auf mehrere Jahre angelegten Polarexpedition (und wie große Beharrlichkeit letztlich zum Ziel führen kann).

    Trotz der Horrortrips ein wunderbares Buch, das sich authentisch anfühlt und für das sich man viel Zeit und Muße nehmen sollte.

    Sten Nadolny liest selbst. Seine gelassener Vortragsstil wird dem Titel voll gerecht. Seine sanfte, stets leicht heisere Erzählstimme passt ausgezeichnet zum Erzählfluss. Für die Dialoge eigene Stimmen zu modulieren erübrigt sich, da bei den wenigen in direkter Rede gehaltenen Sätzen ohnehin stets klar ist, wer spricht. Auch ein professioneller Sprecher hätte den Roman nicht passender interpretieren können.
     
    K

    käferli

    Guest
    David Guterson “Der Andere”

    Geschichte über Freundschaft und Idealismus

    Der aus einfachen Verhältnissen stammende Ich-Erzähler Neil lernt John, Sohn betuchter Eltern, bei einer Sportveranstaltung kennen. Die beiden ungleichen Freunde lassen sie sich auf das Abenteuer Wildnis ein. Sie streifen wochenlang durch die riesigen Wäldern des amerikanischen Nordwestens und versuchen das Überleben mit einfachsten Mitteln.

    Dieses Erlebnis beeindruckt John so stark, dass er sich von der gewohnten Zivilisation abwendet und in die Wälder geht, um fortan als Einsiedler zu leben. Neil hält den Kontakt und versorgt ihn mit dem notwendigsten Essen und Medikamenten, doch schon bald stirbt John.

    Jahrzehnte später wird seine Leiche gefunden. Er hinterlässt Neil 440 Millionen Dollar. Erst jetzt nimmt dieser Kontakt zu Johns Eltern auf, und der Leser erfährt nachträglich, warum der hochbegabte Sohn aus privilegiertem Hause so geworden ist, wie er war.


    Stéphane Bittoun liest einwandfrei.
     
    K

    käferli

    Guest
    Robert Ludlum “Das Bourne Duell”

    Unübersichtlicher Agententhriller mit übersinnlichen Elementen

    Das längst eingestellte geheime "Treadstone-Projekt" soll wiederbelebt werden. Und wieder einmal muss sich der arme Jason Bourne von seiner Killer-Vergangenheit befreien. Diesmal geht es um ein Duell "guter Agent" gegen "böser Agent".

    Wer den Film “Die Bourne Identität” und seine beiden Nachfolger kennt, wird enttäuscht sein. “Das Bourne Duell” gehört zum Nachlass Ludlums, und wurde nach seinem Tod von Eric van Lustbader "aufgearbeitet". Vielleicht ist das der Grund, weshalb vom Flair der zuvor verfilmten "Bourne"-Trilogie nichts mehr zu spüren ist. Der Roman ist der fünfte der von Lustbader veröffentlichten sieben neuen "Bourne"-Romane, welche man unbedingt in der richtigen Reihenfolge lesen sollte.

    In gewohnter Klasse gelesen von Simon Jäger.
     
    I

    ingistern

    Guest
    zur Zeit, oder besser: eben erst begonnen zu hören:

    Seelen


    *geil*.......äh...schwierig die Story zusammenzufassen (googeln kann ja jeder...)

    Science fiction..

    Film dazu lief im Juni im Kino...muss ich natürlich uuuunbedingt auch sehen:cool:
     
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