Disclaimer: für das was gleich kommt, schon mal eins vorweg.... Foren Mythen oder gekünstelte Dramen sind hier unnötig, ich weiß was ich da tue und habe Erfahrung damit. Ich dokumentiere das nur der Vollständigkeit halber mit auf.
Nachdem das fertig war gings am Freitag Nachmittag ans Umtopfen.
Seit viele Jahre bereite ich Pflanzen mit einer Radikalkur auf die Systemumstellung von organischen ins ausschließlich mineralische Substrat auf. Egal wie empfindlich diese waren, mittelfristig hat es sich immer ausgezahlt. Bei den meisten wurde das gar im tiefsten Winter vollzogen. Alle gedeihen prächtig.
Beim Ficus Carica war von Anfang an klar, dass hier ein hybrides Substrat mit hohen Anteil mineralischen und grob/großer Körnung und kleinen Anteil organischen eingesetzt werden sollte.
Zu diesem Zweck war mir auch klar, dass ich nur die Prozedur der Ballen und Wurzelfreilegung gehen werde, und auf den üblichen Abschluss Wurzelbad aufgrund des hybriden Substrats verzichten werde.
Die Biomasse könnte aus dem Übergangstopf schonmal sehr einfach an einem Stück herausgezogen werden. Schon vor Ort habe ich das überprüft und mir die Wurzeln soweit möglich angeschaut. Auch die Geruchsprobe war nicht muffig oder so, was grundsolide Voraussetzungen waren.
Zuhause beim Umtopfen sah das am Freitag so aus:
Da ich kein Freund von halben Sachen bin, war im vorherein klar, dass es auf keinen Fall bei einem Standard Prozedere bisschen hier und da Erde abknibbeln, in den neuen Topf stecken, neues Substrat drauf, und fertig bleiben wird.
Typischerweise lag hier ziemlich kompakt gewachsenes Substrat vor, typische "Topfform", leicht gepresst vom alten Container, und die Wurzeln sind an das alte Substrat angepasst wo am Ende spät hier Gießprobleme auftreten werden. Zumal alles sehr komprimiert ist und das insg. keine gute Ausgangsbasis darstellt. Mit ein wenig auflockern ist es hier nicht getan.
Altes Substrat mit zu übernehmen ist für mich ein no-go. Der Zeitaufwand das richtig zu entfernen ist nicht zu unterschätzen. Aber es erlaubt einem seinen Baum auch von unten im Detail kennenzulernen. Und wenn man es penibel macht, erlaubt es einen, und das ist eins der wichtigsten Angelegenheiten, das komprimiert organische Substrat zu entfernen, damit die Wurzeln wieder atrmen können.
Weiter besteht die Möglichkeit die im kreis gewachsenen wurzeln bis zu einem gewissen Teil zu entwirren/entflechten, um es so für maximale Entfaltungsmöglichkeit ins Neue Substrat vorbereitet wieder einzusetzen.
Beim bearbeiten ist ebenfalls aufgefallen, dass die Feige eher strukturierte Hauptwurzeln, weniger regenerationsfreudige Faserwurzeln bildet. Das konnte beim entfernen des alten Substrat gesehen werden was mich sehr an eine Euphorbia Ingens erinnert hat. Kollateralschäden waren daher minimalst.
Ja, hier bin ich bewusst sehr nah an der Obergrenze dessen gegangen, was eine Feige toleriert, aber das war bei anderen nicht anders. Das ist kein Fehler – aber ein einmalig hoher Stressfaktor für genau diese Art zulasten des systemwechsels. Die Situation ist so einzuordnen: Vitalität gut, Wurzelsystem stark, aber vorher eingeschränkt, kurzfristiger Stresslevel nach Aktion mittel bis hoch. Beim Ficus Carica ist diese Methode kalkuliertes high-risk / high-reward indem er stärker und besser durchwurzelt zurückkommt, und langfristig deutlich stabiler wächst.
Das, was hier getan wurde ist kein Stress-Fehler, sondern eine bewusst harte, aber saubere Umstellung. Das ist ein Unterschied.
Lustigerweise habe ich noch ein massiv und leicht verrostetes Kettenglied inmitten des Wurzelballens verwachsen vorgefunden:
Neuer LC50 zusammengebaut, und über den Trennboden zu 1/4 Substrat mit kleiner mittiger Insel zum austarieren aufgeschüttet.
Wurzeln freigelegt -> notwendig für mineralisches Substrat
Leichte Auflockerung + Bewegung -> extrem wichtig, sonst entstehen Hohlräume
Substrat in die Wurzeln eingearbeitet -> genau das trennt gutes von schlechtem Umtopfen
Körnung größer gewählt -> verhindert Verdichtung
Leichte Erhöhung -> Wurzelauflage
Schichtweises Auffüllen + leichtes Andrücken, im oberen Drittel stärker verdichtet
Einfach draufschütten wäre ein Fehler. Hier sollte aktiv Kontakt hergestellt werden. Das ist der Schlüssel.
Das Systemgewicht schätze ich ohne Tankfüllung auf ~ 60-70Kg. Das aufhieven von Boden auf den Rolluntersetzer war eine Wucht. Einfach mal so auf der Ebene verschieben ist nur sehr schwer möglich. Anheben alleine sehr schwer. Die verdichtete XPS Platte gibt nicht nach und verformt sich auch nicht. Mit dem Rolluntersetzer ist das verschieben dank der großen Rollen leicht genug. Die Stopper sind nicht unbedingt nötig, durch das Eigengewicht steht das Ding auch so recht markant. Dennoch ist es gut sie zu haben. Anschließend wurde er mit 2L gefilterten Wasser erst dezent angegossen.
Am darauffolgenden Samstag habe ich den Baum auf den Balkon zurückgezogen, so dass er den Tag über im geschützten und Schatten stand. Dabei wurde er mit einem Mesto und gefilterten Wasser abgesprüht. Das was ins System floss schätze ich auf 0,5 bis 1L zusätzlich. Optisch hat es dem Baum sichtlich gutgetan, wenn auch beim Ficus Carica eine Einmalaktion.
Am Sonntag wurde er dann wieder nach vorn geschoben. An dem Westbalkon bekommt er nachdem die Sonne leicht über den Zenit ist, ab ca. 13:16h (Ende April) die ersten Sonnenstrahlen auf den Balkon ab. Ab ca. 15-16h steht der ganze Baum samt Baumkrone komplett im Sonnenschein, der Balkon ist schon unlängst davor komplett Sonnengeflutet, bis sich um ca. 19h + die Sonne hinter dem davorliegenden Haus verabschiedet.
Am Samstag und Sonntag habe ich den kapazitativen Sensor kalibriert, und ins Ecowitt System und schließlich ins Home Assistant Dashboard integriert. Anhand der Feuchtigkeitsentwicklung im 1/3 konnte ich erste grobe Zielrichtlinien für das untere, mittlere und obere Segment festlegen, um anhand der Verlaufskurven ein besseres Verständnis für den Baum zu entwickeln. Erste erwartete Stressreaktionen waren am Sonntag endlich sichtbar.
Der Baum attestierte das aber am Sonntag bis einschließlich Montag Morgen mit leicht schlaff herunterhängenden Blättern. Das war von mir erwartet worden, da dies auch so nach dem Umtopfen durch minimalst Wasserzuführung eine einmalige Gelgegenheit bot, bei einem Laubbaum das untere Minimum einfach zu erfahren. Klassiker bei Wasser-/Wurzelstress und kaum Feinwurzeln im neuen Substrat. Keine flächige Vergilbung oder massives Abwerfen -> sehr gutes Zeichen. Fazit: Der Baum ist gestresst, aber absolut im grünen Bereich. Die nächsten Wochen geht es NICHT um Wachstum oben – sondern um Wurzeln unten. Einerseits ist das Zeil ihn fest verankern zu lassen, und anderseits die Wurzeln dazu zu trainieren in Richtung Trennboden zu wachsen.
Am Sonntag war der Stand:
- Sensor misst oberes ~1/3
- Mitte = aktuell Blackbox
- Unten = aktuell irrelevant (keine Wurzeln, kein aktiver Tank)
Deshalb wird aktuell NICHT nach absoluter Feuchte, sondern nach „funktionsfähigem oberen Wurzelraum“ gesteuert.
Interpretation der Kurve von Samstag -> Sonntag bei Einsatz von +/- 3,5L war nur minimale Reaktion (~+4–5%), danach kontinuierlicher Abfall auf 27%. Übersetzt: Wasser kommt nicht stabil in die Sensorzone, oder wird sofort wieder abgegeben (Verdunstung + keine Bindung). Klassischer Zustand nach mineralischem Umtopfen ohne Wurzelanschluss. Weiterer Fakt am Sonntag war, 27% ist im aktuellen Setup zu niedrig. Aber nicht wegen "zu trocken im Topf", sondern zu trocken im aktiven Wurzelraum (oberes Drittel).
Anhand der Fakten konnten erste Systemwerte festgelegt werden. Sensor-Zielbereich: 32 bis 45%.
Zonen:
< 30 % -> kritisch (gießen)
30 – 34 % -> untere Grenze (bald gießen)
35 – 45 % -> optimal
> 45 % -> frisch gegossen / Übergang
Beim Ficus Carica muss oben aktuell aktiv „feucht gehalten“ werden, weil kein Kapillarfluss und keine Wurzelbrücke nach unten vorhanden ist, bis die Wurzeln nach unten trainiert wurden und sich das System beginnt selbst zu tragen.
Nachdem jetzt klar war war die Aufgabe für Montag, also Heute Morgen herauszufinden wie das System reagiert wenn durchdringend in zwei Anläufe mit ca. 20min Abstand 5-6L gefiltertes Wasser zugeführt wird und wie sich die Verlaufskurve dann entwickeln wird.
Das ließe dann eine Feinjustierung der Zonenwerte zu. Das Resultat war folgender was dann sofort in der Feinabstimmung der Gauge mündete:
Was die Kurve wirklich zeigt:
- Schneller Peak auf ~45 % -> sofortiger Drop
-> Wasser läuft schnell durch das obere Drittel durch
-> kaum Speicherwirkung dort -> typisch für mineralisch + frisch umgetopft
- Mit jedem Liter wird der Drop langsamer
-> Poren unten füllen sich schrittweise
-> es nährt sich einer Sättigung der unteren Zonen
- Endzustand nach ~3h: ~32 %
-> das ist entscheidend: das "Arbeitsniveau" im oberen Drittel nach vollständigem Durchfeuchten
Übersetzt bedeutet dies:
Oben: schnell trocken / dynamisch
Unten: jetzt definitiv nass (Tank + Übergangszone aktiv gefüllt)
Mitte: beginnt gerade erst, sich als Puffer zu etablieren
Der Tank wurde abgepumpt.
Der zentrale Punkt, und hier entscheidet sich alles ist, die Wurzeln nach unten zu ziehen.
Wurzeln wachsen nicht dahin, wo Wasser ist, sondern dahin, wo es periodisch verfügbar ist.
Die Sensor Realität:
Aktuell sind die Werte für den Feigenbaum nicht statisch. In der Phase wird noch nachjustiert.
Der Sensor wird immer zu schnell fallen, egal wie gut das System später funktioniert.
Das ist kein Fehler, sondern bei der Topfgröße, oder dem Pflanzvolumen die Messung im oberes Drittel, limitiert durch die 20cm Länge des kapazitativen Sensors, und gemessen wird bekanntlich an der Messspitze.
Die Realität später wird sein Wurzeln sind unten angekommen + Tank.
Schlussendlich ergibt sich da heraus die Konsequenz, dass die aktuellen Schwellenwerte für das Setup zu hoch angesetzt waren.
Es folgte die dritte Anpassung der Sommer-Zielwerte. Nach dem heutigen Verlauf wurde wie folgt nachjustiert:
ALT (zu aggressiv):
Grün: ~34–45%
Gießtrigger: ~29%
NEU (realistischer für das Setup):
Rot: < 27%
Übergang: 27–31%
Grün: 31–42%
Oben: 42–46%
Zu nass: > 46–48%
Gießtrigger:
-> nicht mehr bei 29%
-> sondern erst bei ~27–28%
Warum:
der aktuelle Verlauf zeigt: 32 -> 31 -> 30 geht schnell, aber darunter verlangsamt sich das System. Ansonsten würde zu oft gegossen werden.
Gießstrategie ab jetzt und entscheidend:
Nicht mehr pauschal 4–6L sobald <29%
Sondern warten bis ~27–28%
Dann:
2–3L initial
10–15 min warten
optional +1–2L
Ziel:
obere Zone anheben
ohne unten zu „fluten“
Das ist der aktuelle Stand der schon im letzten Bild des HA Dashboards gegossen wurde.
Entscheidenster Punkt und wichtig für das Systemverständnis dieses Baums.... aktuell wurde dadurch der kritische Übergang erreicht.
Weg vom chaotischen frisch umgetopften System, hin zum messbar interpretierbaren System.
Das bedeutet konkret, dass der Sensor jetzt nicht mehr nur Artefakte zeigt, sondern beginnt reale Dynamik abzubilden. Die Abfälle sind jetzt teilweise Verbrauch (Transpiration) und nicht mehr nur Versickerung.
Fazit stand jetzt ist, das System verhält sich jetzt erstmals ehrlich. Die Grenzwerte sind aktuell passend.
Jetzt erstmal kein Nachjustieren. Der Fokus liegt auf Dynamik beobachten, nicht Werte ändern.
Die wirklich interessante Phase beginnt jetzt erst. Wenn er morgen oder übermorgen Richtung 29 % läuft, zeigt sich, ob das System schon ruhig geworden ist, oder noch nachregelt. Aktuell hält es sich seit mehreren Stunden stabil auf 30% was sehr gut ist.
Der Baum hat nach dem intialien Gießen Heute Morgen nach einigen Stunden mit klar festeren und weniger schlaffer hängenden Blätter ragiert. Zellen sind wieder ausreichend mit Wasser gefüllt, Leitbahnen arbeiten nach dem Gießen wieder stabil. Sichtbarer Effekt tritt wie beobachtet stundenverzögert auf. Dass große Blätter noch etwas hängen, ist normal, da höheres Eigengewicht und größere Verdunstungsfläche.
Viele neue Blätter und aufplatzende Knospen sind ein sehr wichtiges Signal. Das Wachstum wird aktiv hochgefahren. Der Baum bewertet die Situation als versorgt. Energie geht wieder in Expansion statt Überleben. So etwas passiert nicht, wenn akuter Wassermangel herrscht, oder Wurzeln blockiert sind. Der initiale und sekundäre Gießvorgang hat also funktional gewirkt.
Ich habe Fruchtansätze über den ganzen Baum entdeckt. Manche heller manche dunkler in verschiedenen Reifestadien. Klar ist demnach auch dass es sich um eine bifera Feige, also zweimal tragend handelt.
Ich setze es nicht voraus und sehe es entspannt, da Ertrag bei mir keine Rolle spielt.
Jedoch könnte ich mir gut vorstellen, dass die erste Ernte (Breba) die oft im Juni bis Juli reift durchaus realistisch sein könnte. Die im Herbst mal abhängig vom Sommer mit Fragezeichen. Beides ist aktuell überall zu sehen. Ersteres bei Altholz aus dem Vorjahr, letzteres aktuell in Ansätzen bei Neutriebe (letztes Bild unter der Blattknospe sitzt eine kleine runde Struktur) ebenfalls. Wird eine spannende Zeit das zu beobachten.
Diverse Fluginsekten haben den Baum auch schon entdeckt. Am akribischsten haben sich die hovernden und nützlichen Schwebfliegen (Syrphidae) erwiesen die die Blattoberfläche hin und wieder abscannen, und dann präzise im Kreis ablecken.
Evtl. wegen minimale Ausscheidungen wie Guttationreste oder Biofilm, oder Staub, Pollen, Mikrofilme.