Lächeln und winken...

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21. März 2007
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Es gibt ja so Situationen, in den man wieder weiß, was das Wort „Fremdschämen“ bedeutet.

Man ist zum Beispiel in eine Veranstaltung geraten, unter deren Betitelung man sich was komplett anderes vorgestellt hat. Und plötzlich sitzt man in so einer Art „Schlagerparade“ und mindestens einem Drittel des Publikums sieht man an, dass es ihnen ähnlich ergeht. Leicht zu erkennen daran, dass sie mit eingeeistem Lächeln und der imaginären Frage auf der Stirn „Was ist das hier und wie komme ich hierher“ verkrampft aber stetig mitklatschen.

Oder das hier: Letztens eine Betriebsfeier in der Firma meines Mannes: Es war lustig, bis genau zu dem Zeitpunkt, als ein großer grauer alter Mann an unseren Tisch kam und sich mit ordentlich Schwung auf der Bierbank niederließ. Die – bis dahin lockere – Stimmung kühlte sofort ab und die Gespräche verebbten. In Filmen hört man in solchen Situationen gern mal ein einsames Husten oder das Weinen eines Babys, aber das hier war kein Film! Leider!

Die unerwartete Stille weilte auch nur kurz, weil der große graue alte Mann ganz viel zu erzählen hatte. In erster Linie war von ihm und seiner (vergangenen) Macht die Rede und ich begriff recht schnell: Bei diesem Exemplar handelte es sich um einen Exchef. Seine ehemalige Sekretärin, die zufällig ebenfalls an unserem Tisch saß, wurde in seine Erzählungen mit einbezogen. Die Arme ließ es über sich ergehen und lächelte milde. Kannte sie wohl noch gut. Laut der - von donnerndem Lachen untermalten - Anekdoten ihres ehemaligen Chefs war sie ein echter Besen. Ich fand sie vorher eigentlich schon recht nett – nun mochte ich sie wirklich.

Irgendwann drehte ich mich dezent Männe zu und murmelte ihm ebenso dezent zu: „Ich mag den Kerl nicht – wer isn das?“ Männe klärte mich flüsternd auf: „Da biste nicht allein! Das ist der ehemalige Leiter der Abteilung XY. Ein ganz unangenehmer Zeitgenosse, der seine Leute schon gern mal dazu nötigte, am Sonntag anzutanzen. Für nichts...“

Gerade als der große graue alte Mann lautstark erklärte, dass er – ich drücke es mal so aus, dass es nicht wegzensiert wird – Männerpaare für abartig hält und das auch gleich noch argumentieren werde (weiß der Himmel, wie er auf dieses Thema kam – ich war kurzfristig abgelenkt und nicht mehr so im Bilde), bemerkte ich, wie sich ein Arbeitskollege meines Mannes in Zeitlupe von der Bierbank schob, um möglichst unbemerkt zu verschwinden. Ich erntete noch ein verlegenes Lächeln und einen Sorry-muss-dann-mal-wech-Blick und schon waren wir einer weniger am Tisch.

Die ehemalige Sekretärin verließ uns ziemlich bald „ganz spontan“, weil sie „da hinten“ irgendwen gesehen hatte und zwei weitere Leute waren plötzlich unheimlich müde...

Als der große graue alte Mann nun sein Publikum schwinden sah, stand er auf und richtete folgende Worte an mich (!): „Nicht, dass Sie mich nun in schlechter Erinnerung behalten.“ ...ein frommer Wunsch, den ich unkommentiert ließ... Er müsse nun auch sowie mal weiter die Runde machen - das würde schließlich von ihm erwartet, meinte er dann und steuerte die nächste Bierbank an. Die bis dato lebhaften Gespräche dort verstummten. Machte aber nichts, denn der große graue alte Mann hatte immer noch ganz viel zu erzählen.

Männe gab in nun trauter Zweisamkeit noch ein paar Storys zum besten, deren Hauptdarsteller gerade die Leute am Nebentisch peinlich berührte.

So als Randbetrachter wars dann irgendwie auch wieder lustig :cool:

Überstandene Grüße
Phila
 
Zuletzt bearbeitet:
  • Wieder mal sehr schön erzählt, Phila. Danke.
    Was mir so beim Lesen durch den Kopf ging.... wenn es doch der Ex-Chef ist, hättet Ihr nicht kollektiv gähnen können. Oder aufstehen, ich meine gleich...
    Ich hätte es da keine zwei Minuten ausgehalten :d


    es grüßt und dankt für die Geschichte
    Tono noch bei hellem Lichte
     
  • @bolban: :o

    Was mir so beim Lesen durch den Kopf ging.... wenn es doch der Ex-Chef ist, hättet Ihr nicht kollektiv gähnen können.Oder aufstehen, ich meine gleich...
    Ich hätte es da keine zwei Minuten ausgehalten

    ...berechtigte Frage!
    Also das war so...

    Die gefühlten 120 Minuten, die in realer Zeit wahrscheinlich nur 20 Minuten ausmachten, drittelten sich etwa so:
    1. realisieren, dass der Kerl kein Stück mehr wichtig ist, sondern nur so tut...
    2. gespannte Erwartung (Was wird´n das jetzt?)
    3. wie bei einem Unfall - man will nicht hinsehen, kann aber nicht anders...

    Bin ja auch nur´n Mensch :cool:
     
  • Deine Geschichte ist mal wieder supergut erzählt worden!

    Aber wie schade ist es doch, wenn Menschen nicht damit klar kommen, dass sie nicht mehr der Mittelpunkt sind und sich nicht ein anderes Leben außerhalb des Berufsleben aufgebaut haben.....

    Liebe Grüße
    Petra, die nun nachdenklich ist
     
  • Hallo Mädels,

    Ute:
    Ganz ehrlich? Mir tat der Kerl auch leid!...ein bisschen nur, aber immerhin... Bestimmt isser sehr, sehr einsam...
    Und weiß das auch!

    Pere: Ich glaube, viele solcher "Führungsfiguren" können einfach nicht aus ihrer Haut. Meistens haben sie als Ersatz zum Job aber doch ne Familie, die sie im Ruhestand trietzen können...

    Ausgeglichene Grüße
    Phila - übrigens ganz und gar untypische Sekretärin
     
    :ovielen lieben dank, phila:o ich kann einfach nicht genug bekommen, von deinen geschichten:o:)

    gruß geli...die dich immer wieder gerne liest
     
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